Auf Kurzbesuch in Ost-Berlin

Das Passierscheinabkommen von 1963

Buch und Regie Ute Bönnen und Gerald Endres
Kamera Thomas Walther
Schnitt Christopher Kaps
Redaktion Carmen Peter
Produktion doc.station
Länge 45 min
Erstaustrahlung 10.07.2015 in ZDFinfo

Die Passierscheinabkommen gehören zu den emotional ergreifendsten Ereignissen für die Berliner nach dem Bau der Mauer. An Weihnachten 1963 und am folgenden Neujahrstag konnten die Westberliner zum ersten mal wieder Verwandte in Ostberlin besuchen. Die Stadt beschäftigte sich mit fast nichts anderem mehr, die Medien berichteten laufend. Rias richtete eine Sonderwelle ein, der Senat hielt eine Pressekonferenz nach der anderen ab. Die Besuche waren mit bürokratischen Hürden und Tücken verbunden, stundenlange Wartezeiten gehörten ebenfalls dazu. Aber das konnte die Berliner nicht abhalten. Berührende Szenen spielten sich ab, - und das eine oder andere Familiendrama nach fast zweieinhalb Jahren der Trennung. Dann gab es wieder keinerlei Möglichkeit für die Westberliner, die Verwandten im Ostteil der Stadt zu sehen, und es war ungewiss, ob es jemals zu einer neuen Pas-sierscheinregelung kommen würde.

Die ergreifenden Szenen wiederholten sich bei den folgenden Passierscheintagen, und sie waren immer überlagert von der Drohung, dass dieses Treffen das letzte sein könnte. Das dritte Abkommen zum Jahreswechsel 1965/66 wurde von 823 904 Berlinern genutzt.

Gleichzeitig waren die Passierscheinabkommen begleitet von einem regelrechten Politkrimi, in dem der ganze Irrsinn der damaligen deutschlandpolitischen Situation deutlich wird. Die Verhandlungen zwischen dem Senat und der DDR-Führung waren beherrscht von statusrechtlichen Problemen: Wer spricht mit wem in welcher Funktion, wer wird in den Texten wie bezeichnet, wer unterschreibt als was? Sieben Verhandlungsrunden waren nötig, bis das erste Abkommen unterzeichnet war. Die DDR versuchte ihre Dreistaatentheorie und die eigene Anerkennung als Verhandlungspartner so weit wie möglich durchzusetzen, die Westberliner Seite versuchte das so weit wie möglich zu verhindern, ohne den Abschluss eines Abkommens zu gefährden. Gleichzeitig fand noch ein Kleinkrieg zwischen Bonn und Berlin statt. Nach Bonner Lesart war nur die Bundesregierung befugt, mit der DDR-Regierung zu verhandeln, und die lehnte Verhandlungen mit dem „Phänomen“ DDR. ab Dazu kam die Partei-politik: Man gönnte dem regierenden Bürgermeister und SPD-Kanzlerkandidaten Willy Brandt keinen Erfolg und nutzte jede Möglichkeit, ihn als jemanden darzustellen, der mit den Kommunisten kungelt und dabei wichtige deutschlandpolitische Grundpositionen verrät.

Der Kleinkrieg um die Passierscheinabkommen ist heute fast vergessen, aber er markiert die ersten Ansätze zu einer neuen, anderen Ostpolitik, wie sie von Willy Brandt und Egon Bahr in den folgenden Jahren konzipiert wurde. Wir konnten Egon Bahr dazu noch wenige Wochen vor seinem Tod interviewen. In diesem Interview war er fit und äußerst präsent.