Ulrich Schmücker ca.1968

Der Schmücker-Mord

- Die großen Kriminalfälle

Buch und Regie Ute Bönnen und Gerald Endres
Kamera Friedemann Rehse
Schnitt Gabi Seelis
Redaktion Jürgen Tomm
Produktion RBB
Erstaustrahlung 2004 in der ARD
Länge 45 min
Inhalt:

In der Nacht vom zum 4. zum 5. Juni 1974 Juni 1974 wurde im Berliner Grunewald der Student Ulrich Schmücker gefunden. Eine Kugel hatte seinen Kopf durchschlagen, Hilfe war nicht mehr möglich. Die Polizei ging von einem politischen Hintergrund aus, denn Schmücker bewegte sich im linksradikalen Milieu und hatte Kontakt zur "Bewegung 2.Juni". Kurze Zeit nach der Tat ging dann auch bei einer Presseagentur eine Erklärung des "2. Juni" ein: Schmücker sei als Verräter und Konterrevolutionär hingerichtet worden. Der Fall schien klar: Ein Fememord im terroristischen Milieu.

Schmücker war in Bad Neuenahr aufgewachsen, hatte in einer evangelischen Jugendgruppe mitgearbeitet und wollte Pfarrer werden. Wie viele andere seiner Generation ging er dann jedoch einen anderen Weg, er radikalisierte sich.
Schmücker ging nach Berlin, schloss sich dort der militanten Kreuzberger Szene an und stieß 1972 zu den Anfängen der "Bewegung 2. Juni". Doch als Terrorist hatte er wenig Erfolg: Zwei Sprengsätze, die er bastelte, gingen nicht hoch, schließlich wurden er und drei andere verhaftet, als sie eine Bombe am türkischen Generalkonsulat in Bonn legen wollten. Die Attentäter schliefen auf einem Parkplatz in Schmückers Heimatstatt im Auto, wurden von der Polizei kontrolliert und dabei fanden die Beamten den Sprengkörper mit der Zündvorrichtung.

Als Schmücker hörte, dass ein anderes Gruppenmitglied schon ein Geständnis abgelegt hatte, redete auch er und ließ sich auf lange Gespräche mit einem Verfassungsschutzmitarbeiter ein. Nach seiner Freilassung tauschte er wieder in die Kreuzberger Szene ein. Dann wurden jedoch Details seiner Aussage bekannt, immer mehr Leute rückten von ihm ab. Aber noch immer wollte er sich rechtfertigen und dachte sogar daran, seinen Kontaktmann beim Verfassungsschutz zu töten. Es nützte ihm nichts, er wurde als Verräter ermordet. Die Geschichte wühlte die Berliner Szene auf, und der Fememord brachte viele zur Distanzierung von den Untergrundgruppen.

Die Ermittler kamen schnell einer Wolfsburger Wohngemeinschaft mit intensiven Beziehungen nach Kreuzberg auf die Spur, Verdächtige wurden festgenommen, einer legte ein Geständnis ab und wurde zum Kronzeugen der Anklage.
Doch nach 591 Verhandlungstagen in 15 Jahren stellte im vierten Verfahrensdurchgang das Berliner Landgericht das Verfahren ein. Dreimal hatte vorher der Bundesgerichtshof die Urteile gegen die Angeklagten aufgehoben, denn jedes dieser Verfahren strotzte von Manipulationen, Ungereimtheiten und unaufgeklärten Aspekten. Der wichtigste Grund: Der Verfassungsschutz wollte in Zusammenarbeit mit Richtern und Staatsanwälten geheim halten, dass er tief in den Fall verstrickt war. Die Geheimdienstler waren über alle Schritte der mutmaßlichen Mörder informiert gewesen, und nach Jahren enthüllte der SPIEGEL, dass ein V-Mann unmittelbar nach der Tat die Mordwaffe einem Verfassungsschützer übergeben hatte, der sie in einem Safe des Amtes deponierte. - Dort ruhte die Pistole während der Prozesse, in denen die Tatwaffe als verschwunden galt. Der als Mittäter gesuchte V-Mann war vom Verfassungsschutz mit so viel Geld ausgestattet worden, dass er sich nach Italien absetzen und ein Weingut in der Toscana kaufen konnte.
Schließlich stellte sich auch noch heraus, dass der Verfassungsschutz einen Spitzel in einer Kanzlei platziert hatten, um über die Strategie der Verteidigung vorab informiert zu sein. Ein rechtsstaatlicher Prozess war so nicht mehr möglich, der Mord an Ulrich Schmücker blieb juristisch ungesühnt.

Der Film schildert den Kampf von Journalisten und Anwälten, um die Aufdeckung der Manipulationen des Verfahrens. Vor allem aber beschreibt er den Weg des Ulrich Schmücker in einen vermeidbaren Tod, seinen Weg in die Militanz und sein hilfloses Spiel zwischen der linken Szene und dem Verfassungsschutz, das schließlich dazu führte, dass ein sensibler junger Mann, der die Welt verbessern wollte, in einem Waldstück als Verräter erschossen wurde.