Leben in der Sperrzone

Sparnberg in der DDR

Buch und Regie Ute Bönnen und Gerald Endres
Kamera Thomas Walther
Schnitt Christopher Kaps
Redaktion Carmen Peter
Produktion doc.station
Erstaustrahlung 25.12.2014
Länge 42 min

Das kleine Dorf liegt in einer Schleife der Saale, die die bayerisch-thüringische Landesgrenze markiert. Viele Jahrzehnte spielte jedoch der Fluss als Grenze keine Rolle, das thüringische Sparnberg und das bayerische Rudolphstein waren wie ein Dorf: Verwandte lebten beiderseits der Grenze, das Wirtshaus am Hang auf Rudolphsteiner Seite war ein beliebter Treffpunkt für die Männer aus beiden Dörfern.

Dann wurde Deutschland geteilt und damit auch die beiden Dörfer getrennt. In der DDR wurden viele andere Dörfer direkt an der Grenze evakuiert, die Bewohner wurden umgesiedelt. Sparnberg war eine Besonderheit. Das Dorf reicht in der Flußniederung bis direkt an die Saale, auf bayerischer Seite steigt sofort ein steiler Hang an. Dadurch konnte man von Bayern wie auf einem Logenplatz direkt ins Dorf hineinsehen, und das Leben dort beobachten. Deshalb bemühten die DDR-Oberen sich, für die Beobachter und Kameras auf westlicher Seite glückliches Dorfleben zu inszenieren.

Das Dorf war nicht nur zur Bundesrepublik, sondern auch zur DDR abgeschottet. Besuche in Sparnberg mussten Wochen vorher angemeldet wurden und beim geringsten Verdacht versagt. Kindergeburtstage mit Kindern von außerhalb des Dorfs blieben Utopie. Dazu kam die ständige Gefahr, irgendwann doch aus der Heimat vertrieben zu weden. Fiel jemand unangenehm auf, mussten er und seine Familie von einem Tag auf den anderen Haus, Hof und Heimat verlassen.
Wer sein Grundstück an der Saale hatte, musste erleben, wie immer mehr davon abgezwackt wurde. Stand anfangs nur ein Stacheldrahtzaun direkt am Flussufern, durch den die Kinder auch mal schlüpften, wurden die Grenzanlagen immer ausgefeilter und tiefer gestaffelt, Ab 1968 stand am Fluss dann eine hohe Mauer.
Das Alltagsleben im Dorf war durch die ständige Anwesenheit der Grenztruppen und die politische Überwachung beeinträchtigt, andererseits war die winzige, abgeschottete Insel in vieler Hinsicht eine heile Welt. Die Welt auf der anderen Seite der Saale hatte Verbindungen der besonderen Art nach Rudolphstein. Die Rudolphsteiner Blasmusik stellte sich an den Hang über dem Dorf uns brachte den Sparnbergern ein Ständchen, dem die Dorbewohner lauschten, bis DDR-Grenzer kamen und sie wegscheuchten. Die Oma aus Rudolphstein kam regelmäßig an den Hang und winkte dem Enkel in Sparnberg zu. Und immer wieder waren Kameras auf das Dorf gerichtet.

Absurd wurde die Sparnberger Situation 1989: Die Mauer war schon offen, auf der Autobahnbrücke fast über dem Dorf fuhren Heerscharen DDR-Bürger in den Westen, doch Sparnberg war noch wochenlang abgeschottet. Erst im Dezember 1989 endete das Grenzregime und war das Dorf für jedermann zugänglich. Die Sparnberger und Rudolphsteiner bauten sofort einen Steg über die Saale als Ersatz für die Brücke, die einst die Dörfer verbunden hatte. Das neue Bauwerk war allerdings provisorisch und gerade im Winter war der vereiste Übergang gefährlich , was prompt die Baubehörden beider Seiten auf den Plan rief, die - Vereinigung hin, Vereinigung her - gleich wieder einen Abriss verlangten. Erst später wurde eine richtige Brücke gebaut, die heute schon wieder reparaturbedürftig ist.