Operation „Zersetzung“

Der geheime Terror der Stasi
-ZDF History

Buch und Regie Ute Bönnen und Gerald Endres
Kamera Thomas Walther
Schnitt Christopher Kaps
Redaktion Annette Tewes
Produktion doc.station
Erstaustrahlung 04.08.2013 im ZDF
Länge 42 min
Inhalt:

Nichts klappt mehr. Beruflich geht alles schief, der Alltag wird zu einer Abfolge von kleinen und großen Ärgernissen, Freunde ziehen sich zurück, Leute, denen man vertraut hat, werden plötzlich misstrauisch und schweigsam. Jemand, dem nichts gelingt, ist auch nicht attraktiv, es kriselt in der Beziehung. Und das Schlimmste sind die Selbstzweifel: Liegt es an mir, kriege ich mein Leben nicht mehr geregelt? Oder – kaum vorstellbar – irgendjemand versucht, mein Leben kaputt zu machen?

Manchmal steckt dahinter eine perfide Strategie der Stasi.

Erich Honecker versuchte, mit einer neuen Wirtschaftspolitik und nicht mehr so offener Repression wie unter Ulbricht mehr Zustimmung der Bevölkerung zu gewinnen. Außerdem wird die DDR allmählich international als Staat anerkannt. 1975 hatte sie sich in der KSZE-Akte von Helsinki zur Achtung der Menschenrechte verpflichtet. Schauprozesse und brutale Unterdrückung von Opposition schaden dem Ansehen des kommunistischen deutschen Staates.
Das bedeutet, dass der Sicherheitsapparat sich umorientieren muss.

Im Januar 1976 gibt Erich Mielke die Richtlinie 1/76 heraus - ein geheimes Dokument nur für leitende Stasi-Offiziere, die genau Buch führen müssen, wem sie Einsicht gewähren. In der Richtlinie wird die neue Vorgehensweise beschrieben und normiert. Besonders außerhalb der DDR bekannte Künstler und Intellektuelle - später kommen noch Kirchenleute hinzu - sollen nicht mehr einfach verhaftet, verurteilt und weggesperrt werden, wenn sie sich unbequem verhalten. Stattdessen sollen sie "zersetzt" werden. Die ständige Organisation kleiner und großer Widrigkeiten soll von oppositioneller Tätigkeit abhalten, In der Familie und dem Freundeskreis sollen Misstrauen und Zwietracht gesät werden, und oppositionellen Gruppen soll die Differenzierung gefördert werden. Letztlich soll das ständige Erlebnis von Misserfolgen auf allen Ebenen die Zielperson handlungsunfähig machen. Manchmal geht die Stasi soweit, Menschen in die Geisteskrankheit zu treiben.

Die neue Taktik erfordert Intelligenz und Kreativität sowie großen organisatorischen Aufwand. Auch der große Apparat der Stasi kann sich nur um eine begrenzte Zahl von "Feinden" auf diese Weise kümmern – wobei meistens Familien und Freunde mit zum Opfer der Zersetzung werden. Gewöhnliche Menschen, die der DDR unbequem werden – zum Beispiel Nörgler oder Ausreiseantragsteller, werden weiter den gewöhnlichen Schikanen unterzogen und eingesperrt.
Doch auch die Zersetzung hat nur begrenzten Erfolg und kann die Zielgruppe nicht wirklich disziplinieren.

Literaturtip: Sandra Pingel-Schliemann: Zersetzen - Strategie einer Diktatur; Robert Havemann Gesellschaft, Berlin 2002 ISBN 9783980492072